Geschichten…
…die das Leben schreibt. Seit meiner eigenen Krebserkrankung haben sich meine Themen und Interessen doch stark verändert. Ich bin in der Krebsbubble angekommen, bin aufmerksamer und sensibler bei allem, was sich damit beschäftigt. Ich weiß gar nicht mehr so richtig, womit ich mir vor meiner Diagnose den lieben langen Tag die Zeit vertrieben habe. Oder ich verdränge einfach viele Themen, die mir jetzt unwichtig erscheinen, da sich meine eigenen Prioritäten verändert haben.
In den letztenTagen gab es einige Situationen, die mich auch wieder zum Nachdenken anregen und bestärken bei dem was ich tue. Letzten Samstag war bei unSICHTBAR Shootingtime und unsere Fotografin signalisierte mir bereits am Donnerstag zuvor, dass sie wegen Krankheit nicht dabei sein kann. Panikmodus, denn wir haben nur eine Fotografin für diesen Tag. Nun musste schnell innerhalb weniger Stunden Ersatz gefunden werden, aber alle Fotografen, die mit uns zusammenarbeiten, waren bereits verplant. Bis sich Freitagmorgen meine letzte Hoffnung meldete und um ein Telefonat bat. Eine Fotografin, mit der wir im Januar bereits ein Shooting hatten, bei dem zwei Frauen mit einem Gehirntumor dabei waren, von denen eine erst vor kurzem verstorben ist. Und genau das hat die Fotografin so heruntergezogen. Sie hat von dem Tod der Teilnehmerin erfahren und war davon persönlich ergriffen. Sie hat dieses Schicksal zu sehr an sich herangelassen.
Wir telefonierten eine ganze Weile. Ich schilderte ihr meine Sichtweise darauf und wie ich damit umgehe. Wir können diesen Menschen nicht helfen, da sie ja bereits mit der Diagnose zu uns kommen. Aber wir können ihnen einen schönen Tag bereiten und für die Angehörigen dieses mit den Fotos festhalten – als Erinnerung. Wir machen allen ein Geschenk. Heilen können wir sie nicht. Und das stimmt mich persönlich damit absolut versöhnlich. Wir geben Zeit und schöne Momente. Ja es ist sehr traurig, dass sie gestorben ist, aber sie kam bereits mit einer schlechten Prognose und wenig Lebenserwartung zu uns. Und ja sie war jung und hat noch minderjährige Kinder. Mich lässt das nicht kalt, aber ich bin einfach machtlos in dieser Situation. Aber ich habe noch die Bilder im Kopf, wie wohl sie sich bei uns gefühlt hat und wie wunderschön ihre Fotos geworden sind. Und deswegen gibt es die Fotoshootings von unSICHTBAR, um genau solche Momente zu schaffen. Die Fotografin war dankbar für meine Worte und übernahm spontan das Shooting vom Samstag. Aber es zeigt mir auch, dass viele Menschen mit solchen Themen einfach überfordert sind. Und deshalb braucht Krebs, so schlimm er oft auch ist, Kommunikation. Wir müssen darüber reden.
Ein zweites Beispiel kam dann direkt am Freitag dazu. Unsere Teilnehmer bewerben sich mit einer kurzen E-Mail, in der sie ihre Geschichte mit dem Krebs schildern. Beim Lesen der Mail wurde mir bewusst, wie wichtig es ist unser Projekt für Krebspatienten in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Dame hatte sich auf dem Radklassiker in Eschborn am 01. Mai, bei dem ich mit einem Infostand vertreten war, mit mir unterhalten. Ihre Krebsdiagnose lag neun Jahre zurück und sie galt nun als geheilt. Bis vor Kurzem – sie erhielt eine erneute Krebsdiagnose und wird nun wieder eine Akuttherapie mit einer Brustamputation über sich ergehen lassen müssen. War es Schicksal, dass wir uns begegnet sind? Den Krebs trug sie wahrscheinlich bei unserem Gespräch vor drei Monaten bereits in sich ohne es zu wissen. Aber um so schöner ist es nun, dass sie sich daran erinnert hat und an einem unserer Fotoshootings teilnehmen möchte. Mir zeigt es einmal mehr, wie wichtig persönliche Begegnungen und Gespräche sind.
Beide Situationen sind für sich genommen irgendwie tragisch und traurig. Und dennoch müssen wir in der Gesellschaft Krebs mehr zum Thema machen. Wir müssen Ängste bei Nichtbetrofffenen abbauen und Menschen mit Krebs stärken. Mein Ziel ist es beide Seiten näher zusammenzubringen – Berührungspunkte zu schaffen. Letzten Freitag war ich mit einem Infostand von unSICHTBAR in einem dm Markt und habe dort Kunden angesprochen, ob sie eine unserer Mutmacher-Karten für unsere Teilnehmer ausfüllen wollen. Einen lieben Gruß oder ein paar nette Worte an einen unbekannten Menschen richten. Die Reaktionen der Kunden waren breit gefächert. Von „das finde ich spooky für einen Fremden eine Karte zu schreiben“ bis hin zu „mein Vater ist selbst an Krebs verstorben“. Ich möchte Berührungspunkte schaffen, denn Krebs kann jeden treffen und zwar schneller als man denkt. Spaltet Krebs die Gesellschaft? Ist man als Krebspatient ausgegrenzt? Oder fühlt es sich nur so an?
