Es sind nur Haare…
Wie oft ich diesen Spruch gelesen oder gehört habe. Für einen Krebspatienten, der durch eine Chemotherapie seine Haare verloren hat oder für Menschen, die unter Alopezie leiden, hat das natürlich eine ganz andere Bedeutung. So auch für mich. Ich konnte sehr gut mit der haarlosen Zeit umgehen, habe mich für meine Glatze nicht geschämt. An den Moment, als wir am 22. Dezember 2024 meine Haare in unserem Bad abrasiert haben, erinnere ich mich noch sehr gut. Es war siebzehn Tage nach meiner ersten Chemotherapie, so wie es die Ärztin vorausgesagt hatte. Beim morgendlichen Haare kämmen waren mehr Haare als sonst im Waschbecken. Zu dem Zeitpunkt waren sie kurz, aber dennoch war der Haarverlust deutlich sichtbar. Es war unausweichlich und ich bat meinen Mann mir beim Rasieren zu helfen. Ich schaute mich noch einnal im Spiegel an, strich mir durch die Haare und dann griff ich zum Rasierer. Ein komisches Gefühl, wenn man dieses surrende Ding in der Hand hält und dann zaghaft mit pochendem Herzen die erste Bahn durch die eigenen Haare zieht. Unvorstellbar und selbst beim Schreiben dieser Zeilen spüre ich diesen Moment wieder. Mein Herz klopft, aber es macht mich nicht traurig. Aber niemals hatte ich daran gedacht, das ich das einmal wegen einer Krebstherapie durchleben muss.
Wobei ich die Zeit mit der Glatze nicht als so schlimm empfunden habe. Eine gute Freundin, die ich in der Therapie kennengelernt habe, sagte letztens sogar, das sie durch meinen offenen Umgang mit der Glatze selbst dazu ermuntert wurde auch in der Öffentlichkeit die Glatze zu zeigen. Das war definitiv die pflegeleichteste Zeit. Kein stundenlanges vor dem Spiegel stehen, kein ewiges Haare föhnen, damit eine Windböe es kurze Zeit später wieder alles zunichte macht. Ich konnte endlich Mützen tragen ohne mir über die Aftermützenfrisur Gedanken zu machen. Es war hin und wieder kalt am Kopf und da wird einem bewusst, welche Funktion die Haare an dieser Stelle eigentlich haben. Nicht nur zum schön aussehen, sondern als Schutz vor Kälte und Sonnenstrahlen.
Meine letzte Chemo hatte ich im Mai 2025, seitdem wachsen meine Haare wieder. Ohne die berühmt berüchtigten Chemolocken und auch nicht in grau. Ich trage das undefinierbare Strassenköterblond. Und mit dem Haarwuchs begann die ewige Frage – welche Frisur möchte ich tragen? Was steht mir? Meine Vorchemohaare waren fein und dünn. Meine Hoffnung auf eine dicke Wallemähne wurde jäh zerschlagen. Ich lies die Haare regelmäßig schneiden, wurde aber dennoch immer unzufriedener. So lange ich mich selbst von vorne im Spiegel betrachtete war alles in Ordnung, aber die Rückseite meines Kopfes entsprach überhaupt nicht meinen Vorstellungen. Ich wechselte den Friseur, aber auch das half nichts. Der Grund für meine Unzufriedenheit war der erneute leichtere Haarausfall bedingt durch meine Tablettentherapie. Es zeigten sich kahle Stellen, die man mit kurzen Haaren auch nicht verdecken konnte. Lange Haare wollte ich aber nicht, da sie mir zu pflegeaufwendig sind. Jedesmal wenn mich jemand von der Seite fotografierte, ärgerte ich mich über die kahlen Stellen am Hinterkopf. Die tröstenden Worte meines lieben Mannes, das es gar nicht auffällt, halfen da auch nicht mehr. Er meinte es gut, aber ich fühlte mich zunehmend unwohler damit. Wie einfach war doch die Zeit ohne Haare. In dieser habe ich auch darüber nachgedacht, ob ich dauerhaft Perücke tragen soll oder einfach ein Basecap zu meinem Markenzeichen machen soll. Selbst über eine Glatze habe ich wieder nachgedacht.
Ich wechselte erneut den Friseur, wobei die ja alle nix dafür können, dass ich so komische Haare habe. Der erste Haarschnitt war die Feuertaufe und ist richtig gut gelungen. Also fasste ich den Entschluss meine Haare das erste Mal nach über einem Jahr wieder färben zu lassen. Aber denkt nicht, das ich mir das leicht gemacht habe. Man sieht so viele Menschen mit tollen Haarfarben, die einem zwar gefallen, aber vielleicht gar nicht stehen. Ich kramte alte Bilder von mir heraus, analysierte die Farben und versuchte mir vorzustellen, wie ich wohl mit rot, dunkelbraun oder blond aussehen würde. Ich wollte auf gar keinen Fall wieder zurück zu meinem Haarschnitt und der Farbe, die ich noch im Oktober 2024 vor der Therapie getragen habe. Ich habe mich verändert und meine Frisur gehört definitiv auch dazu. Der neuen Friseurin erzählte ich von meiner Idee die Haare in ein helles grau bis weiß zu färben. Sie versicherte sich noch, ob das meine ersten Haare nach der Chemo sind, denn dann wäre alles noch zu frisch und die Haare noch nicht stabil genug für die Prozedur. Schließlich müssen die Haare erst blondiert und dann grau gefärbt werden.
Der Termin zum Färben rückte näher und ich war unsicher. Wird es gut aussehen? Werde ich mich wohlfühlen? Die Gedanken schob ich allerdings schnell beiseite, denn schlimmer als jetzt konnte es nicht werden und fallls es mir nicht gefällt, werden sie eben einfach abrasiert – damit kannte ich mich ja nun schon aus. Ich glaube die Friseurin war ähnlich aufgeregt wie ich. Ich zeigte ihr noch ein Foto aus meiner Ahnengalerie, als ich schon einmal hellgraue Haare hatte. Sie mischte also ein paar Töne zusammen und wir hofften beide auf ein gutes Ergebnis. Mit einem Handtuch auf dem Kopf saß ich also nun vor dem Spiegel und war ganz gespannt. Sie löste das Handtuch und ich sah mich zum ersten Mal mit weißen Haaren. Es wurden noch ein paar Kürzungen vorgenommen und trocken geföhnt. Ich konnte mich gar nicht satt sehen im Spiegel, ich liebte es, was ich dort sah. Und die Friseurin? Nach meinem Freudenausbruch mit einem großen WOW, sagte sie selbst, das es einfach richtig toll aussieht. Sie war sichtlich erleichtert und ich einfach überglücklich. Aufgrund der hellen Haare sieht man keine kahlen Stellen mehr am Hinterkopf. Ich liebe mein Spiegelbild, zumindest der Kopf passt jetzt zu meinen Vorstellungen. Der Rest des Köpers, na ja. Das ist ein anderes Kapitel.

