Sichtbarkeit
Seit meiner Entscheidung, mein Leben mit dem Krebs öffentlich zu teilen, sind schon einige schöne Dinge passiert. Ich schreibe nicht nur dieses Tagebuch, sondern bin auch in den sozialen Medien aktiv. Über Instagram und Facebook halte ich meine Community ebenfalls auf dem Laufenden, wie das neue Leben mit dem Stempel krebsfrei und einer mehrjährigen Tablettentherapie wirklich aussieht. Ich gelte noch nicht als geheilt, aber das Leben muss ja irgendwie weitergehen. Viele schreiben mir, dass sie mir folgen und dankbar dafür sind, dass ich so offen und ehrlich darüber berichte. Ich beschönige nichts, wer das nicht mag, soll mir nicht folgen.
Letzte Woche war ich zur jährlichen Kontrolle beim Augenarzt in Limburg. Die Vorsorgeuntersuchung zum grauen Star, die bei mir regelmäßig gemacht wird, kostete vor zwölf Monaten noch knapp 26€, mittlerweile sind es 31€. Da ich Kassenpatientin bin, muss ich diese Untersuchung selbst zahlen. Auch da kommen mir wieder die Worte einer Freundin in den Kopf, das man im Alter genügend Geld für eine gute Vorsorge und Arztbehandlung braucht. Das Wartezimmer ist extrem voll, mein Mann wartet in der Zwischenzeit beim Bäcker um die Ecke, da ich im Anschluss aufgrund der Pupillenerweiterung nicht allein nach Hause fahren darf. Nach einer Weile werde ich zum Sehtest aufgerufen und bekomme die ersten Tropfen Atropin in jedes Auge. In einem separaten Tropfraum nehme ich danach Platz. Plötzlich betritt eine Frau den Raum und kommt zielstrebig auf mich zu. Mit den Worten „Du bist doch Sabine Fiedler. Ich bin M. Schön, das wir uns einmal persönlich treffen.“ begrüßt sie mich. Okay, zugegeben ich war etwas verwundert. Aber doch auch erfreut darüber, das sie mich einfach anspricht.
Sie nimmt neben mir Platz und wir reden miteinander. Sie wohnt nicht weit weg von uns und verfolgt meinen Weg bei Facebook. So klein ist die Welt. Da sitzt man beim Augenarzt und wird direkt erkannt. Wir unterhalten uns sehr angeregt und es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls vor acht Jahren Brustkrebs hatte. Und wieder eine Krebsbetroffene, der man es nicht ansieht. Auch bei ihr hat die ganze Therapie tiefe innere Narben auf der Seele hinterlassen. Die Angst bei den Nachkontrollen schwingt immer mit, das geht auch mir so. Im Moment fühle ich mich „sicher“, da ich noch die ganzen Tabletten nehme, die das Wachstum von Tumorzellen hemmen sollen und auch die Hormone unterdrücken, die Paul damals „gefüttert“ haben. Obwohl ich auch weiß, dass es Fälle gibt bei denen sich unter dieser Therapie neue Tumore gebildet haben. Ich blicke einfach positiv nach vorn.
Und meine Augen? Sind soweit in Ordnung. Keine Verschlechterung aus Sicht des Arztes, allerdings muss ich immer häufiger zu einer Lesebrille greifen. Die langen Arme reichen oftmals nicht mehr aus. Damit muss ich leben, meint der Arzt. Also werde ich mir wohl noch ein paar Lesebrillen zulegen und mir angewöhnen immer eine Brille bei mir zu haben. Das könnte mir oft auch beim Einkaufen helfen – die Etiketten kann ich teilweise nicht mehr lesen.
