Geschafft
Heute war wieder ein OP-Tag – langersehnt. Wobei ich doch auch immer ein wenig Respekt davor habe, denn es ist eine Vollnarkose und am Ende hoffe ich, dass ich wieder aufwache. Gestern morgen bekam ich den Anruf, zu welcher Uhrzeit wir in Wiesbaden sein sollten. 7.15 Uhr klingt vielleicht nach einer normalen Tageszeit, bedeutete für uns aber 5.45 Uhr aufstehen und 6.15 Uhr abfahren. Da ich weder einen Tee trinken durfte, noch irgendwie das Gesicht mit ein wenig Schminke aufpimpen konnte, waren zwischen dem Weckerklingeln und Abfahren nur dreißig Minuten nötig. Schon ein komisches Gefühl, als hätte ich die Kontrolle über mein Leben und meinen Körper verloren. Keine Creme, kein Nagellack, ungeschminkt und in Jogginghose und T-Shirt, der Prakikabilität wegen. So würde ich normalerweise nicht vor die Tür gehen. Aber beim Fahren von Tür zu Tür und hoffentlich wenigen menschlichen Begegnungen lässt es sich ertragen.
Wir sind überpünktlich angekommen – ein ambulantes OP-Zentrum in Wiesbaden. Je mehr wir uns der Zieladresse näherten, wurde uns bewusst, dass wir vor einigen Jahren hier schon einmal waren. Damals war es ein Kundengespräch, eine große Kette von Kinderwunschzentren, die unsere Softwarelösung nutzen wollte. Das Kinderwunschzentrum gibt es in diesem Haus sogar noch, aber den Kunden haben wir nach ein paar Jahren verloren.
Das Wartezimmer des OP-Zentrums ist recht übersichtlich – zwei Stühle, viele Türen, sehr klein und direkt mit Blick ins Treppenhaus, eher wie ein Durchgangsbereich. Spricht aber dafür, dass hier Leute nur auf Bestellung sitzen und es nur eine Art Schleuse ist. Eine sehr nette Schwester namens Ronja nimmt uns Empfang und geht mit mir noch einmal alles durch. Bei der Frage nach dem letzten Essen erzählte ich ihr von meiner Tabletteneinnahme heute morgen. Die Medikamente waren ihr vertraut und sie „outete“ sich ebenfalls als Brustkrebspatientin. Sie ist in der gleichen Therapie seit zwei Jahren. Das verbindet uns direkt miteinander, so klein ist die Welt. Kurz darauf folgt das Gespräch mit dem Anästhesisten und auch der Operateur, mein behandelnder Arzt aus der chirurgischen Praxis, kommt noch einmal kurz zu mir und markiert den OP-Bereich.
Ich bin die erste Patientin heute. Dann geht es auch schon los, mein Mann verbringt die Zeit in einem nahegelegenen Café und wartet auf den Anruf, der mein Erwachen signalisiert. In der Umkleide tausche ich meine Jogginghose gegen ein luftiges OP-Hemdchen, blaue Füßlinge und eine Kopfhaube. So laufe ich direkt den OP-Saal. Dort stehen alle bereit und warten auf mich. Es ist kalt. Als ich dies äußere, kommt prompt die Antwort, dass man gekühlt länger hält, um hier weiter arbeiten zu können. Den Humor mag ich, vor allem am frühen Morgen. Nachdem der Zugang am Arm gelegt ist, geht es auch schon los. Ich suche noch schnell nach einer Uhr im Raum – es ist 7.35 Uhr und ich schlafe selig ein.
Als ich wieder erwache ist es 8.15 Uhr und ich liege im Aufwachraum. Die Schwester fragt mich, ob ich durstig sei. Das verneine ich zunächst und schließe wieder die Augen. Noch ein wenig dösen und ganz langsam aufwachen. Fünfzehn Minuten gönne ich mir noch und setze mich dann langsam auf, damit der Kreislauf in Schwung kommt. Ich bekomme ein Wasser gereicht, nach einer erneuten Frage der Schwester. Es fühlt sich alles gut an. Ich schaue vorsichtig unter die Decke und sehe einen blauen Verband. Optisch sieht alles gut aus und auch der Arzt berichtet über eine unkomplizierte Operation mit komletter Materialentfernung. Die beiden Schrauben auf der Innenseite des Sprunggelenks bleiben drin, denn sie bereiten mir keine Probleme und sie hätten das Lösen der Bänder am Gelenk zur Folge. Das ist aufwendiger und könnte später Probleme bereiten. Der Knochen sieht gut und stabil aus, was mich etwas erleichtert. Die Platte und sechs Schrauben, die der Fixierung dienten, bekomme ich eingeschweisst mit. Die Schwester gibt mir noch eine Thrombosespritze, die ich mir die nächsten vier Tage selbst verabreichen darf. Morgen ist Nachkontrolle in der Praxis und am 27. Juli werden die Fäden gezogen.
Ich ziehe mich langsam an und höre meinen Mann auf dem Flur, nachdem er angerufen wurde. Da ich noch etwas wackelig auf den Beinen bin, verlasse ich das OP-Zentrum im Rollstuhl. Im Auto übergibt mir mein Mann eine Tüte mit einem leckeren frischen Eibrötchen, dass er mir vom Bäcker mitgebracht hat. Das muss Liebe sein. Er kennt mich einfach zu gut. Wir hatten am 13.Juli, also vor zwei Tagen, unseren 13. Hochzeitstag – die 13 ist unsere Glückszahl. Freitag der 13. war unser Kennenlerntag, das erste Date und von da an zusammen. Nunmehr seit 21 Jahren und wir verstehen uns blind. Dafür liebe ich ihn und unser Leben.
Auf dem Heimweg spüre ich langsam den Schmerz im Bein. Wir fahren schnell noch zur Apotheke und holen die mir verschriebenen Schmerzmittel, Novalgin & Ibuprofen, und dann ging´s zu Hause direkt auf das Sofa. Jetzt heisst es Ruhe halten, Bein hochlegen und vor allem kühlen. Mein Mann ist wieder sehr rührend und stellt mir alles Wichtige in erreichbare Nähe. Er verwöhnt mich mit leckerem Latte Macchiato und einer Eisschokolade mit Vanilleeis. So kann man es aushalten. Wobei – Ruhe halten und nichts tun gehört nicht zu meinen größten Stärken.

