Das Leben muss weitergehen
In den vergangenen sechs Monaten sind in meinem direkten Umfeld sieben Menschen gestorben – Freunde, Bekannte, Wegbegleiter, Familie. Das holt mich definitv zurück auf den Boden der Realität. Nur ein Todesfall davon hatte das traumhafte Alter von 85 Jahren und ist seiner altersbedingten Demenz erlegen. Es öffnet mir auch die Augen, dass Altwerden nicht selbstverständlich ist und auch nicht Jedem vergönnt ist. Was macht das mit mir?
Mein Blick auf das eigene Leben ist ein anderer. Ich genieße jeden Tag und erfreue mich des Lebens mit dem aktuellen körperlichen Zustand. Krebsfrei, aber noch nicht geheilt. Denn als geheilt gilt man erst nach fünf Jahren ohne ein Rezidiv. Ein Jahr davon habe ich fast geschafft und dafür bin ich dankbar. Die Menschen, die verstorben sind, hatten nicht dieses Glück. Sie alle waren im Alter zwischen 49 und 58 Jahren. Viel zu jung zum Sterben, da war noch so viel ungelebtes Leben übrig. Vier Frauen sind an Brustkrebs verstorben, nachdem sie ein Rezidiv bekommen haben. Brustkrebs ist heilbar und gut erforscht, aber es sterben immernoch Frauen an Brustkrebs und dessen Begleiterkrankungen. Nie zuvor in meinem Leben war ich so häufig mit dem Tod konfrontiert wie jetzt. Manchmal habe ich das Gefühl er verfolgt mich.
Seit ich in dieser Krebsbubble gefangen bin, ist das natürlich unausweichlich. Vor meiner Erkrankung sind doch auch Menschen an Krebs verstorben. Aber da kannte ich sie nicht, da war ich selbst nicht davon betroffen. Heute umgebe ich mich mit Gleichgesinnten – nicht ausschließlich, aber dennoch sind neue Bekanntschaften oft durch das Thema Krebs entstanden. Wir begleiten uns und wir teilen unsere Erlebnisse und Geschichten.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach unserem Treffen in der Onkologie ist eine Mitpatientin verstorben. Schneller als wir alle, inklusive ihr selbst, je gedacht hätten. Unsere erste Begegnung war im April 2025 – ich lag auf meinem Therapiestuhl während die Chemo in mich hineinlief und sie kam zur Blutentnahme. Sie erzählte der Schwester, dass sie ihre Haare nicht mehr mit einem Kamm kämmt, sondern nur noch mit den Fingern, damit sie nicht wieder ausfallen, wie bei der ersten Chemo. Wir lachten alle gemeinsam darüber und dann ging sie. Dieses kleine lustige Detail sollte später noch für eine Erinnerung sorgen.
Am Abend erhielt ich über Facebook eine Nachricht von eben genau dieser Dame. Sie schrieb: „Hey ich glaube wir beide sind uns heute in der Onkologie begegnet. Ich verfolge Deinen Weg und Dein Profil und habe Dich dennoch so im realen Leben nicht direkt erkannt.“ Sie gab sich zu erkennen als die Frau, die sich die Haare nicht mehr mit dem Kamm kämmt.
Von da an schrieben wir uns immer wieder Nachrichten und trafen uns beim Ernährungsworkshop für Krebspatienten sowie zufällig in der Onkologie bei den Blutentnahmen. Später lernte ich auch ihren Mann kennen. Er kam mit zum Kochen, denn sie wollte sich darauf vorbereiten, wenn sie mal nicht mehr kochen kann, dass er dies tut. Das dieser Tag schneller kommen würde als gedacht, war uns allen nicht klar. Sie hatte heftige Nebenwirkungen der neuen Chemotherapie, die nun das Rezidiv bekämpfen sollte. Immer wieder mussten auf Grund der schlechten Blutwerte Pausen eingelegt werden. Als sie eines Tages zur Beobachtung in der Klinik aufgenommen wurde und ich meinen vermeintlichen OP-Vorbereitungstermin für mein Sprunggelenk hatte, besuchte ich sie spontan. Ich fragte sie morgens nach ihrer Zimmernummer und sie fragte mich, ob ich sie wirklich auf der Palli – der Palliativstation- besuchen wolle. Ja klar, warum denn nicht? Später beim Besuch und einer Tasse Kaffee erklärte sie mir, dass sie einige Menschen in ihrem Umfeld hat, die sie nicht auf dieser Station besuchen kommen. Damit habe ich kein Problem, keine Berührungsängste. Im Gegenteil, diese Station ist wesentlich ruhiger als alle anderen Stationen. Es herrscht nicht so viel Hektik.
Da lag sie nun also und konnte sich nicht erklären warum. Sie hatte Wasser in den Beinen, so dass diese sehr geschwollen waren. Aber sie lief mit mir über den Gang zum Kaffeeautomaten. Wir nahmen im Aufenthaltsraum Platz und plauderten eine ganze Weile. Sie sollte nun unter Beobachtung eine weitere neue Chemotherapie bekommen. Der Grund für ihre stationäre Aufnahme war aber ein mögliches Leberversagen. Sie war gelb im Gesicht und fragte mich, ob mir das auch auffällt. Ja, es war deutlich zu sehen. Sie selbst nahm es aber gar nicht so wahr. Eine Woche später war sie tot. Es war unsere letzte Begegnung. Wir hatten in den Tagen zwischendurch immernoch Nachrichten geschrieben, da die Hoffnung bestand nach Hause gehen zu können. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen.
Und genau aus diesem Grund werde ich Krankenhausbesuche bei Mitpatienten, die ich gut kenne, nicht mehr aufschieben. Man weiß nie, ob es die letzte Gelegenheit für ein gemeinsames Gespräch ist. Auch das ist eine neue Erkenntnis, die mir meine eigene Krebserkrankung gebracht hat.
