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Und wieder im Februar

Gestern war ich zur Beerdigung unserer Krebsfreundin, mein Mann hat mich begleitet. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr waren wir ebenfalls auf einer Beerdigung. Ich hoffe der Februar wird nun nicht in jedem Jahr ein Monat mit Beerdigungen.

Eigentlich hatte ich den Tod unserer Freundin schon ganz gut verdaut, aber gestern wurde alles noch einmal aufgewühlt. Da waren immernoch diese Fragen nach dem warum es am Ende so verdammt schnell ging und was der Auslöser gewesen ist. Am Firedhof angekommen, trafen wir meine andere Krebsfreundin aus unserer Dreiergruppe. Auch sie war mit ihrem Mann gekommen. Wir drei haben uns während der Chemozeit kennen und schätzen gelernt. Vereint im gleichen Schicksal und doch hatte jede von uns einen anderen Therapieweg. Wir näherten uns der Friedhofskapelle und dort stand ihr Ehemann und ihre beiden Kinder, die nun ohne ihre Mutter aufwachsen müssen. Als wir uns begrüßen, kommen in mir schon die ersten Tränen hoch. Er ist gebrochen und dennoch sehr tapfer. Er muss funktionieren – für diesen Tag, für den Alltag mit den beiden Kindern.

Da es ein kalter Wintertag ist, betreten wir bereits eine halbe Stunde vor der Trauerfeier die Kapelle. Sie ist klein und kalt, wir sind die ersten und haben noch freie Platzwahl. Unterhalb des Kreuzes steht eine schlichte Urne eingebettet in schlichten Blumenschmuck und ein Foto – mich packen erneut die Tränen. Das ist es, was von uns übrig bleibt. Mich triggert das, aber man muss sich damit auseinandersetzen. Heute morgen zu Hause sprach mein Mann einen Gedanken aus, den er sicher schon länger mit sich herumträgt – diese Trauerfeier hätte auch meine sein können und er der Mann, der seine Frau beerdigen muss. Das ist hart, aber ja, es ist real. Ich hatte Glück, dass ich den Krebs in dieser Runde besiegen konnte. Unsere Freundin hatte dieses Glück nicht. Ihr war es nicht vergönnt weiterzuleben. Aber sie hatte noch Zeit sich von allen zu verabschieden, wie wir später beim Trauercafe von ihm erfahren haben. Sie konnte noch ihre Wünsche für die Beerdigung äußern – keine Trauerkleidung, keine Blumen, sondern Spenden. Es wurde ihre Lieblingsmusik gespielt, ihre beste Freundin hielt eine bewegende Rede mit vielen schönen Erinnerungen und ihre 12 jährige Tochter hatte ein Klavierstück aufgenommen, dass abgespielt wurde. Die Pfarrerin hat die religiösen Elemente dezent in die Trauerrede eingebaut und diese Trauerfeier sehr schön gestaltet. Die Kapelle ist voll, viele Menschen waren gekommen, um sich zu verabschieden.

Ich frage mich, wie es wohl bei meiner Trauerfeier sein wird. Was würden die Menschen über mich sagen? Wie viele Menschen nehmen Abschied von mir? Es erwächst in mir der Wunsch mich zu Lebzeiten näher damit auseinanderzusetzen. Meine letzte Ruhestätte selbst auszusuchen und Wünsche niederzuschreiben. Auch um meinen Hinterbliebenen in diesen schweren Stunden dabei behilflich zu sein, meine Wünsche einzubinden. Eine Baumbestattung, eine pinke Urne, keine Trauerkleidung, einen freien Trauerredner, da wir nicht kirchlich sind. Die Angehörigen müssen nach dem Tod eines geliebten Menschen inmitten ihrer Trauer vieles organisieren und werden gefragt, was die letzten Wünsche des Verstorbenen waren. Und dann ist da diese Leere. Das möchte ich meinen Hinterbliebenen ersparen.

Mit einem sehr schönen keltischen Segensspruch endet die Trauerfeier – „Der Tod hinterlässt einen Schmerz, den niemand heilen kann; die Liebe hinterlässt eine Erinnerung, die niemand stehlen kann.“ Mit einem langen Trauerzug begleiten wir die sterblichen Überreste zu ihrer letzten Ruhestätte. Der Friedhof ist groß und der Weg ist lang. Das Ziel ist ein Baumgrab, am Fuße eines noch jungen Ahornbaums. Die Pfarrerin übergibt mit letzten Worten und einem Segen die Urne der Erde. Alle Trauergäste nehmen mit einem letzten Gruß und Blüttenblättern, die sie der Urne beigeben, noch einmal ganz persönlich Abschied. An dieser Stelle liege ich mir mit meiner Krebsfreundin in den Armen und uns überkommen die Tränen. Es ist so ungerecht und doch müssen wir es akzeptieren.

Beim anschließenden Trauercafe, zu dem auch wir eingeladen waren, erfahren wir nun auch die Details ihrer letzten Lebenstage. Sie hatte Tage zuvor eine heftige Erkältung, die mit Antibiotika behandelt wurde. Sie war kurzatmig. Eine Untersuchung der Lunge zwei Tage vor ihrem Tod ergab eine großflächige Schädigung, die nicht mehr ausheilen würde. Es hätte eine dauerhafte Beatmung für sie bedeutet. Das hat sie selbst abgelehnt. Und so wurde am Donnerstag vor ihrem Todestag der Entschluss von ihr selbst gefasst nicht mehr am Leben festzuhalten. Es gab keine Aussicht auf Besserung und Heilung. Freitagmorgen verabschiedeten sich alle von ihr, uns schrieb sie noch per Whatsapp die drei Worte „Ich sterbe heute“.

In solch einem Fall wird die Morphiumgabe erhöht, die bis dahin stattgefundene Beatmung wurde langsam heruntergefahren. Man lässt den Körper selbst in den Tod hinübergleiten – ohne Schmerz und Leid. Dennoch dauerte es noch bis zum Abend als sie ihren letzten Atemzug nahm und friedlich eingeschlafen ist. Es war doch „nur“ Brustkrebs. NEIN – es war Krebs. Und egal welcher Krebs, er kann uns das Leben nehmen. Wir sollten damit aufhören verschiedene Krebsarten zu kategorisieren und die Heilungschancen zu beurteilen. Jeder Krebs kann tödlich sein. Wir haben eine sehr gute medizinische Versorgung und die Forschung ist sehr weit, aber es sterben immernoch viele Menschen an Krebs – auch an Brust- und Prostatakrebs.