Nachdenklich
Ich liebe mein Leben, unsere Familie – einfach alles. In den letzten Monaten sind viele schöne Dinge passiert. Mein beruflicher Alltag hat sich geändert. Ich bin nun die Geschäftsführerin einer gemeinnützigen Organisation und trage Verantwortung für all das, was bei unSICHTBAR geschieht. Es gibt so viel positives Feedback, auch gerade nach dem Fernsehbeitrag im HR. Das Team um mich herum ist hochmotiviert und ich bin unendlich dankbar, dass mich alle bei diesem Vorhaben so tatkräftig unterstützen. Und ich bin dankbar, dass ich mein Leben so leben kann. Selbstbestimmt, sorgenfrei.
Und dennoch hat ein Ereignis in dieser Woche mich einmal mehr zum Nachdenken angeregt. Am Dienstag waren wir erneut auf einer Beerdigung. Ein langjähriger Geschäftspartner und Freund ist plötzlich und für alle unerwartet verstorben. Mitten aus dem Leben gerissen ohne eine Vorankündigung. Augenscheinlich gesund und fit. Mein Mann und er sind nicht nur gleich alt, sie haben auch im gleichen Monat im Abstand von drei Wochen Geburtstag. Sie sind sich in allem sehr ähnlich, vor allem aber zielstrebig, ehrgeizig und pragmatisch. Als ich Carsten kennengelernt habe, hatte sein Tag mehr als achtzehn Arbeitsstunden. Klar als Selbständiger musst du Vollgas geben. Aber ihm hat sein Körper oft Signale gesendet, dass es ein zuviel an Arbeit ist. Im Lauf der Jahre ist er ruhiger geworden. Er arbeitet immernoch viel, aber es gibt auch Tage an denen die Arbeit ruht – so es die Kunden zulassen.
Unser verstorbener Freund liebte das, was er tat und war dadurch sehr erfolgreich. Zur Trauerrfeier kamen ungefähr zweihundert Leute, zum großen Teil Kollegen und Menschen, die über die Arbeit auch Freunde wurden, so wie wir. Sein Leben war geprägt von seiner Arbeit, auch im Privatleben war diese stets präsent. Alle Trauerreden hatten einen Bezug zu seiner Arbeitswelt. Die Rede seiner Frau hat mich sehr stark berührt. Mit gebrochener und zittriger Stimme steht sie vor all diesen Menschen und richtet ihre letzten Worte in einem Brief an ihren Mann. Sie ist ein paar Jahre jünger als ich und die 13-jährige Tochter sitzt zusammengekauert auf ihrem Stuhl. „Wir hatten doch noch so viele Pläne.“ lautet ein Satz. Es ist alles so traurig. Sie muss nun für die gemeinsame Tochter da sein, stark sein. Ganz zu schweigen von dem finanziellen Loch, das nun entsteht durch den Wegfall des Geschäftsführergehalts. Viele Sorgen, Existenzangst und tiefe Trauer.
Mich macht das alles sehr nachdenklich. Es zeigt, wie schnell ein Leben vorbei sein kann. Und das ohne eine schwerwiegende Erkrankung oder Anzeichen im Vorfeld. Mit 54 Jahren denkt man nur im Entferntesten über den eigenen Tod nach. Und auch der Nachlass ist noch nicht unbedingt geregelt – so auch bei unserem Freund. Man muss sich zu Lebzeiten Gedanken darüber machen, damit die Angehörigen nicht diese Last haben.
Und noch etwas zeigt mir dieser Tod auf – Arbeit ist nicht alles. Dieser Mann hat so viel gearbeitet. Im Urlaub mit der Familie oder bei Wochenendausflügen mit Freunden. Ein Leben ohne Arbeit unvorstellbar. Aber was bleibt danach? Was werden die Menschen über ihn sagen? Er war stets fleißig? Was wollen wir in den Menschen hinterlassen, die unser Leben begleitet haben? Wie viel Leben bleibt neben der Arbeit? Carsten und ich haben in den letzten Wochen sehr viel über solche Dinge geredet. Der Tod der beiden jungen Menschen in unserem direkten Umfeld, lässt uns mehr über unser eigenes Leben nachdenken. Was wollen wir im Leben noch erreichen? Müssen wir noch irgendetwas erreichen? Wir greifen nicht nach den Sternen, haben aber beide dennoch ein paar Ziele auf unserer Lebensliste. Aber am allerwichtigsten ist für uns die Zeit miteinander und mit unserer Familie. Das hat die oberste Priorität.
